Wer vor fünf, zehn Jahren über gendergerechte Formulierungen sprach, wurde meist angeschaut wie ein Alien: Bitte was? Aber Schritt für Schritt und Buchstabe für Buchstabe ist das Thema auf der Agenda von Politik und Medien immer höher geklettert – und jetzt ist es auch in der Herzkammer des deutschen Staates angelangt: den Behörden. 

Unsere Gedanken formen unsere SpracheUmgekehrt prägt aber auch unsere Sprache unser Bewusstsein und unser Verhalten. Und dabei sind wir schon beim Thema.

Sicher, die offiziellen Briefe vom Finanzamt, der Kfz-Zulassungsstelle und dem Bürgerbüro enthalten schon länger Konstruktionen wie den Querstrich in Bürger/innen und anderen Worten. Derlei wurde einst als wichtiger Schritt in Richtung Gleichbehandlung von Männern und Frauen gefeiert.

Aber die Stadt Hannover geht nun noch einen großen Schritt weiterDer gesamte offizielle Schriftverkehr der Landeshauptstadt soll künftig in “geschlechtergerechter Verwaltungssprache“ formuliert sein, hat das Referat für Frauen und Gleichstellung im Namen des Oberbürgermeisters verkündet. Die amtliche Empfehlung gilt für Präsentationen, Broschüren, Pressemitteilungen, Drucksachen, Hausmitteilungen, Flyer, Briefe, Formulare und E-Mails. Damit Sie sich das konkret vorstellen können: Unerwünscht sind in Hannover künftig das “Rednerpult“, die “Rednerliste“, der “Protokollführer“ und die “Teilnehmerliste“. Stattdessen sollen die Begriffe “Redepult“, “Redeliste“, “das Protokoll schreibt“ und “Teilnahmeliste“ verwendet werden. Der “sozialpädagogische Berater“ steht künftig ebenso auf der Giftliste wie das “Wählerverzeichnis“ und der “Ansprechpartner“. Stattdessen muss es heißen: “sozialpädagogisch beraten durch“, “Wählendenverzeichnis“ und “Auskunft gibt“. Der “Erziehungsberechtigte“ ist falsch, richtig sind “erziehungsberechtigte Personen“ (könnten ja zwei, drei oder mehr sein). Denn auch des Plurals haben sich die Hannoveraner Sprachpolizisten angenommen: “Lehrer“ sind künftig “Lehrende“, ja, noch nicht mal mehr “Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ soll man mehr sagen, sondern “die Mitarbeitenden“.

Und spätestens da hört es bei mir auf. Wäre ich ein städtischer Angestellter, Entschuldigung: eine bei der Stadt angestellte Person, würde ich misstrauisch, wenn die Behörden mir vorschreiben, wie ich zu schreiben oder zu reden habe. Bevor ich jetzt einen Proteststurm von Feministinnen, Entschuldigung: von Feministinnen und Feministen ernte, wiederhole ich mich schnell noch mal: Ja, Sprache prägt das Bewusstsein. Und ja, Männer haben viel zu viele Jahrhunderte lang alleine das Sagen gehabt. Wenn wir unsere Gesellschaft gerechter machen wollen (und das wollen wir hoffentlich alle), dann müssen wir auch hinterfragen, wie wir miteinander kommunizieren. Sprache ist ja nicht statisch, sie lebt, wächst und verändert sich mit uns, wie der kontinuierlich dicker werdende Duden beweist.

Aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Wenn in Behörden der Pietcong die Macht erobert, dürfen wir zur verbalen Selbstverteidigung greifen. Wenige Sprachen sind so präzise wie die deutsche – das ist keine Zumutung, sondern ein Schatz, den es zu behüten gilt. Es hat ja einen Grund, dass die Rednerliste Rednerliste und nicht “Redeliste“ heißt. Weil darauf halt steht, wer etwas sagen will und nicht, was gesagt werden soll.

Die Hannoveraner ficht das nicht an, sie gehen sogar noch weiter:“Wenn eine geschlechtsumfassende Formulierung nicht möglich ist, ist der Gender Star zu verwenden“, lautet die Anweisung von oben. So soll der neuen Gesetzgebung entsprochen werden, der zufolge im Personenstandsregister auch das dritte Geschlecht “divers“ geführt wird. “Das Sternchen* zwischen der maskulinen und femininen Endung soll in der Schriftsprache als Darstellungsmittel aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten dienen und hebt gezielt den Geschlechterdualismus auf“, teilen die Hannoveraner Spezialisten mit. Künftig sollen Briefe und E-Mails also nicht mehr mit “Liebe Kolleginnen und Kollegen“ begonnen werden, sondern mit “Liebe Kolleg*innen“. Aber dabei bleibt es nicht, auch für die gesprochene Amtssprache stellen die Hannoveraner Leitplanken auf: Beim Vorlesen wird der Gender Star durch eine kurze Atempause gekennzeichnet.“

Vielfalt ist unsere Stärke – diesen Grundgedanken des städtischen Leitbilds auch in unserer Verwaltungssprache zu implementieren, ist ein wichtiges Signal und ein weiterer Schritt, alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht anzusprechen”, sagt der Hannoveraner Oberbürgermeister Stefan Schostok (SPD). Ich stelle mir nun vor, wie Herr Schostok künftig seine Oberbürgermeisteransprachen in Ämtern, Festhallen und Fußgängerzonen hält und alle paar Sekunden ein Kunstpäuschen einlegt: “Liebe Mitbürger – Pause – innen, ich freue mich, dass wir heute die Schüler – Pause – innen der ersten Klasse einschulen können.“ Und dann wünsche ich mir sehr, dass Loriot noch leben würde. Um den Hannoveraner Schildbürgern mit zwei, drei politisch unkorrekten Sätzen klarzumachen, welchen Unsinn sie da veranstalten.

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Ich lebe seit 2014 in China. Seit mittlerweile über 20 Jahren bin ich Unternehmer und u.a. Gründer von ONEANDAHAHFMAN und TSINGTAOSTAMMTISCH. Ich bin entschlossen und zielstrebig dabei meinen ganz persönlichen Traum wahr werden lassen – ortsunabhängiges leben und arbeiten. Schon früh entdeckte ich die Faszination des Reisens. Viele Auslandsaufenthalte in verschiedenen Teilen der Welt haben mich mehr und mehr für das Thema ´Ausland und Auswandern` sensibilisiert. Eine Option Ausland ist inzwischen auch Teil meiner eigenen Lebensplanung geworden.
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Ich lebe seit 2014 in China. Seit mittlerweile über 20 Jahren bin ich Unternehmer und u.a. Gründer von ONEANDAHAHFMAN und TSINGTAOSTAMMTISCH. Ich bin entschlossen und zielstrebig dabei meinen ganz persönlichen Traum wahr werden lassen – ortsunabhängiges leben und arbeiten. Schon früh entdeckte ich die Faszination des Reisens. Viele Auslandsaufenthalte in verschiedenen Teilen der Welt haben mich mehr und mehr für das Thema ´Ausland und Auswandern` sensibilisiert. Eine Option Ausland ist inzwischen auch Teil meiner eigenen Lebensplanung geworden.
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